PLATZGUMER / NEIDHART
BIOMETRISCHE FREIHEIT
Text: Didi Neidhart mit Hans Platzgumer
Musik: Hans Platzgumer
Sprecher: Peter Matic / Marian Schönwiese
Produziert von Hans Platzgumer / Son Montuno / ORF, 2004/05 mit Hans Groisz
Aufnahmetechnik: Martin Leitner
Produziert für Dolby 5.1 Surround Systeme
BIOMETRIK
Karl-Heinz Stockhausen sagt: „Wir sind ein ganzes System periodischer
Rhythmen im Körper. Es gibt viele überlagerte Periodizitäten,
von sehr schnellen bis zu sehr langsamen. Und die erzeugen dann zusammen eine
sehr polyrhythmische Musik im Körper.“
Musik und Körper bedingen sich wechselseitig und durchdringenden sich als
fragmentierte Codesysteme, die sich immer wieder neu zu mannigfaltigen Gebilden
zusammenfinden.
Das Rauschen im Hirn ist der Polyrhythmus des Körpers. Nerven schlagen
Funken. Der Herzschlag ist die Diktatur des Blutes. Die esoterische Variante
davon nennt sich beatfreie Musik. Der polyrhythmische Körper ohne Beats
strukturiert sich um Phantombeats, die wie Phantomschmerzen funktionieren. Oder
wie schwarze Löcher. Was jenseits des Herzschlages ist kann der Körper
nicht mehr nachvollziehen. Jenseits des Herzschlages ist dort, wo das polyrhythmische
Hirnrauschen Körper neu zusammensetzt.
Die biometrische Musik generiert sich aus dem Körper in den Körper
zurück. Body 2 Body.
RE-MEMBER / WIEDER MITGLIED 1
Sammy Davis, Jr. singt: “Please Remember Me When I’m Gone.”
Bei Eddy Wilson singt „Dankeschen, Bitteschen, Wiedersehn“
Die Platters singen: „Remember When I First Met You“
Dazu Lacan: Die Wiedererinnerung ist die „vollständige Wiederherstellung
der Geschichte des Subjekts“ als „Annahme dieser Geschichte durch
das Subjekt“, wobei „die Realisierung seiner Geschichte durch das
Subjekt in ihrer Relation zu seiner Zukunft“ erfolgt.
„Das worum es geht, ist weniger, sich der Geschichte zu erinnern, als
sie noch einmal zu schreiben.“
Sich also in die Geschichte zurück lesen. Oder besser: Zurück kriechen
in sie.
In die Vergangenheit. In diese große Bibliothek, in der laut Robert Anton
Wilson das meiste Fiktion ist.
STUNDE NULL 1 (POWER ON TO ZERO HOUR)
Ja, Wilson:
„Ein Mann mit einer Uhr weiß, wie spät es ist. Ein Mann mit
zwei Uhren ist nie ganz sicher.“
Wie spät ist es eigentlich vor der Stunde Null? Und für wen war es
fünf vor Zwölf? Haben wir High Noon oder Mitternacht? Gibt es Schokolade
erst nach der Stunde Null?
Bernward Vesper bezeichnet Zigaretten als „Zeitmesser“. Von Chesterfield
zu Lucky Strike – Biographische Notizen im Kalten Krieg. Tabak-Doppelbeschluss.
Erst im Italo-Western wird wirklich geraucht. Wer Cowboy und Indianer spielt
raucht sich friedlich ein. Soldaten rauchen in Feuerpausen. Feuerpausen sind
Rauchpausen.
RE-MEMBER / WIEDER MITGLIED 2
Wenn Legenden zu Fakten werden, werden Legenden als Fakten gebracht. Wer erschoss
noch mal Liberty Valance?
"Die Wahrheit ist ein Irrtum, der nicht mehr abgewiesen werden kann, weil
er durch eine lange Geschichte hartgesotten wurde", so Foucault im Zwiegespräch
mit Nietzsche.
Elvis sagt: I forgot to remember to forget you.
Zizek sagt: „Was sich selbst wiederholt, ist jenes Scheitern, jene Unmöglichkeit,
das Trauma richtig zu wiederholen, zu erinnern.”
Angst essen Seele auf. Schon vor Freud vermutet H.P. Lovecraft, dass „das
Unterbewusstsein eine störende Lücke mit Pseudo-Erinnerungen zu füllen
versucht und dadurch seltsame Phantastereien auslöst.“
Das Unbewusste als das Vorbewusste. Hallunizierte Pseudo-Erinnerungen stopfen
was aus der Geschichte rausgefallen ist. Auch für die Ägypter gab
es das Rätsel der Pyramiden. Hat das Hegel gesagt? Oder Kant? Jeder abwesende
Beat ist ein Phantomschmerz. Im Reggae werden Pausen nicht Breaks genannt, sondern
„Space“. Audiohallunizierte Pseudo-Echos ursprungsloser Phantomsounds
generieren die Musik der gefalteten Räume. Jenseits der vierten Dimension
is the place to be.
INDIVIDUELLE BIOMETRISCHE MERKMALE:
Physische Biometrie:
• Bertillonage - Messung verschiedener Körperteile:
Die heute nicht mehr gebräuchliche Bertillonage war eine im späten
19. Jahrhundert übliche Methode zur Personenidentifizierung anhand unterschiedlicher
Körpermaße. Bei dem Verfahren, das zwischen 20 und 60 Minuten dauerte,
wurden unterschiedliche Körperteile einer Person gemessen: Höhe, Länge
und Breite des Kopfes, die Länge der einzelnen Finger, die Länge der
Unterarme, usw. Die Ergebnisse wurden protokolliert bzw. mit einem Register
verglichen. Obwohl alles händisch erfolgte, verliefen Erfassung und Überprüfung
für damalige Begriffe ziemlich rasch.
SOUL ENGINEERING
Das Subjekt orientiert sich durch den Klang, das Ohr ist der Kompass. Hören
schafft Sicherheit. Verhören produziert Kunst. Laut Lacan ist das Ohr im
Feld des Unbewussten die einzige Öffnung, die nicht zu schließen
ist.
Mit der Erfindung der Stereophonie beginnt die akustische Dezentrierung des
Subjekts. Zuvor: die Abschaffung des autonom schaffenden Genies. Für Edgar
Varèse schon ist der Musiker der Zukunft gar kein Musiker, sondern ein
„Arbeiter mit Rhythmen, Frequenzen und Intensitäten“. Für
Stalin bestand die Aufgabe von Künstlern darin, „Ingenieure der menschlichen
Seele“ zu sein.
Es ist nicht alles so einfach.
Biometrische Musik ist Körpermusik jenseits menschlichen Ausdrucks und
sentimentaler Gefühlsdusseligkeit. Ist das Bewusstsein frei von Expressivität
und Sentiment spielt die Musik automatisch von selbst. Automatenmusik ist Körpermusik.
Philosophie der elektronischen Wahrnehmung: Ich höre mir beim Hören
zu. Philosophie der biometrische Musik: Den eigenen Körper beim Hören
hören als aurale, sonische Entführung in den eigenen Körper und
Kopf. Wird der Kopf dabei zu schwer und bildet sich zuviel ein, stolpert er
über den Körper. Musik als rhythzomatische und maschinelle Lebensform
stolpert zurück und befreit den Körper von Expressivität und
Sentiment. Es ist die Dialektik der elektronischen Musik: Der Körper verschwindet
im Klangteppich, der Kopf materialisiert sich in der Beatbox.
VOGELFREI
Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man
denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken
unentbehrlich ist.
Die wahre Quantenphysik ist im Kopf und ihren Refrain singen das Duo Deleuze
& Guattari: “Denken heißt immer experimentieren!”
Wer den Bogen nicht überspannt findet sein Hirn nie in Bergnot.
Deplatzierte Gedanken zwingen zu geistigem Freigängertum.
• Fingerprint - Analyse der charakteristischen Merkmale der Fingerkuppe:
Bei der Erfassung der Fingerabdrücke wird (mit Tinte oder digitalem Scan)
ein Abdruck/Bild der Fingerkuppen und ihrer charakteristischen Merkmale aufgenommen.
Dabei werden Wirbel, Gabelungen und Schleifen ebenso aufgezeichnet wie die markanten
Muster der Täler und Erhebungen und Minutien. Diese Daten können daraufhin
verarbeitet oder als Bild oder codierter Computeralgorithmus gespeichert werden,
um sie einem Vergleich mit anderen im System gespeicherten Fingerbildern zu
unterziehen.Stunde Null: Hubert Fichtes “Herauskippen aus bewusster Identifikation“
ist ohne Gedächtnis und Gewissen nicht vorstellbar. Dabei immer überlesen
- das „Wissen“ in „Gewissen“. Wie bei „Erinnerung“,
wo ein „Innen“ drinnen steckt. Schlechtes Gewissen ist ein Bekennerbrief
der Moral nach erfolgreicher Geiselnahme des Wissens.
Nur wenn die Jungen singen wie die falschen Alten dreht sich die Welt.
LOOKING FOR FREEDOM IN THE WRONG PLACES
Die Ununterscheidbarkeit von Realem und Imaginärem, von Gegenwärtigem
und Vergangenem, von Aktuellem und Virtuellem ist das objektive Merkmal gewisser
existierender Bilder, die von Natur aus doppelt sind.
Jede Diaspora gründet sich gleichermaßen auf Freiheiten wie auf Zwänge,
die ihrerseits wiederum die Seiten und Rollen tauschen können. Freiheit
macht arm, Zwang macht reich. Good Old Hollywood, Bahnhofsvorplätze und
Fußgängerzonen erzählen davon.
Es ist die Subversion der B-Liga: Innerhalb eines Genres die Genregesetzte brechen.
Krimis als Western verkaufen, Disco als Punk mit Fummel, Musicals als Film-Noir
in Farbe. Körperdisziplin disziplinierter Körper versus Schwerelosigkeit
befreiter Körper. Gene Kelly versus Fred Astaire. Robin Hood als Royalist
gegen sich als Vogelfreier.
Elend als Freiheit verklärt. Ohne Baumwollfelder kein Blues, ohne Rassentrennung
kein Soul, ohne Ghetto kein Jazz, ohne Arbeitslosigkeit kein Punkrock.
Der Zwang zur Freiheit verursacht ein Magengeschwür. Be free! Sei eine
Nulllohnrunde, sei eine Gewinnwarnung, sei eine Negativprogression, sein ein
Nulldefizit, sein ein Nullwachstum!
„Du hast die freie Wahl, unter der Bedingung, dass du die richtige Wahl
triffst.“
„Die wirklich freie Wahl ist eine Wahl, bei der ich nicht einfach zwischen
zwei oder mehreren Alternativen innerhalb eines festgelegten Sets von Koordinaten
wähle, sondern ich entscheide mich dafür, dieses Set von Koordinaten
selbst zu ändern. Formale Freiheit ist die Freiheit der Wahl innerhalb
der Koordinaten existierender Machtverhältnisse, während die >wirkliche<
Freiheit der Ort einer Intervention bezeichnet, der eben diese Koordinaten unterminiert.
Die wahren Akte der Freiheit sind Entscheidungen, die wir treffen ohne uns dessen
bewusst zu sein – wir entscheiden nie in der Gegenwart, sondern wir stellen
lediglich plötzlich fest, dass wir uns bereits entschieden haben.“
Überschlafen.
Einsichten, nachdem wir zuvor schon von ihnen geträumt haben.
Und kein Missverständnis schließt das Verständnis aus.
BODIES
The Politics of Dancing kennen nur ein Ziel: die Auflösung von Festkörpern!.
„Den Körper als konstruierten Körper zu denken verlangt, die
Bedeutung der Konstruktion selbst neu zu denken.“
Körper haben nicht nur Gewicht, sie können auch umarrangiert werden
– Version und Remix. Check & recheck everything. Davon nicht ausgenommen:
Die Idee einer biometrischen Kunst überhaupt. Einschub: Bedeutet Biometrie
in letzter Konsequenz nicht auch Kontrolle, Überwachung, biometrische Fingerabdrücke,
erkennungsdienstliche Erfassungen, Groove-Datenbanken von Asylanten? Merken!
• Gesichtserkennung :
Die Messung der charakteristischen Gesichtsmerkmale analysiert mittels einer
WebCam die markanten Züge des Gesichts und unterzieht sie einem Vergleich
mit einem Modellbild. Dabei wird die gesamte Gesichtsstruktur erfasst und es
werden u.a. der Augenabstand, Nase, Mund und Kiefer gemessen. Die Messdaten
werden in einer Datenbank gespeichert und verglichen, sobald ein Nutzer vor
der Kamera steht. Diese Art der Biometrie wird gegenwärtig nur zur Verifizierung
genutzt.
PLATZKARTEN & DUTY FREE-PEOPLE
Übersetzt man „Dis-placed Persons“ eigentlich mit „Deplatzierte
Personen“? Was wenn sich Menschen in der Diaspora als „dis-placed“
begreifen, aber als „de-plaziert“ erfahren?
Tante Jolesch sagt: „Abreisen sind immer überstürzt.“
Übermütig antwortet darauf der Zizek-Leser: „Jeder revolutionäre
Ausbruch gründet auf einer Ausnahme, auf einer Kurzschließung des
>zu spät< und des >zu früh<.“
Was passiert, passiert in einem Dazwischen, passiert ein Dazwischen. Leben im
Transit. Flaniern bis die Polizei kommt. Globale Nomadologie als absolute Grenzenlosigkeit
des flüssigen Kapitals.
So funktioniert die Politik der Endgültigkeiten: Übertreten, zertreten,
löschen, tilgen, ausradieren. In the Name of Love die Bombe zünden.
Für Freiheit einmarschieren. Freedom Operations. Damals und Jetzt.
„Man hat sich um den Anderen so sehr und so gut gesorgt, dass das Gesicht
des Anderen am Ende das Gesicht des Feindes ausradiert hat.“ (Alain Finkielkraut)
• Handgeometrie :
Das Verfahren zur Messung und Analyse der geometrischen Merkmale der Hand ist
relativ einfach und erstaunlich genau. Es erfordert zwar eine eigene Hardware,
sie lässt sich aber ohne weiteres in andere Geräte oder Systeme integrieren.
Anders als die Fingerabdrücke ist die menschliche Hand nicht einzigartig.
Für Erkennungszwecke sind die individuellen Merkmale der Hand nicht aussagekräftig
genug. Durch Kombination unterschiedlicher individueller Merkmale und Maße
der Finger und Hände lässt sich aber eine Methode für Verifizierungszwecke
gestalten.
BODY & BRAIN
Kodwo Eshun sagt: „Der Körper ist ein verteiltes Hirn.“ Durch
elektronische Musik „beginnt deine Haut, das zu empfinden, was deine Ohren
nicht mitbekommen.“
Soundscape, Landscape, Bodyscape, Mindscape, laut Zizek hören wir letztlich
Dinge, weil wir nicht alles sehen können."
Das Halbdunkel schärft das Gehör. Ein alter Trick im Horrofilm: “Was
ich höre, will Kontakt mit mir aufnehmen”.
Anders gesagt: Don’t Call Us – We Call You!
• Iris-Scan - Analyse der charakteristischen Merkmale des Farbrings im
Auge:
Beim Iris-Scan werden die Eigenschaften des farbigen Gewebes rund um die Pupille
optisch erfasst und analysiert; dieses Gewebe verfügt über rund 200,
für Vergleichszwecke geeignete Punkte, darunter Ringe, Streifen und Flecken.
Das Bild wird mit einer Videokamera aufgenommen, wobei dies aus größerer
Entfernung erfolgen kann als beim Retina-Scan. Die Aufnahme funktioniert auch
durch die Brille hindurch und kann in der Tat so genaue Messungen vornehmen,
dass sich die Methode nicht nur für Verifizierungszwecke, sondern auch
zur Erkennung eignet.
WO „ES“ IST / WO IST „ES“
Das „Ich“ als Widerstandsbewegung. Das „Ich“ als Staat,
als Nation, als Volk.
Wir unterscheiden den Psychotiker, der verwirft, den Perversen, der verleugnet,
und den Neurotiker, der verdrängt.
Die Verdrängung und die Rückkehr des Verdrängten in ihrer ewigen
Spirale.
„Was verdrängt wird, ist aber nicht die Erinnerung, sondern die Phantasie,
die sich von jener herleitet oder sie verstärkt. Der Verdrängungsvorgang
ist nicht nur auf der Ebene des Inhalts der Phantasie, sondern in der Bewegung
selbst zu verstehen in der die Phantasie entsteht.“ (Laplanche)
Fluchtlinien und Pseudo-Erinnerungen also. Deleuze und Lovecraft beim Kaffeeplausch.
Vor der Fluchtlinie steht ein Ursprung. Der Ursprung, verstanden als erster
Sprung kann immer nur ein weg, ein fort von einem Ort hin zu einem – oder
zwischen einem – anderen Ort bedeuten. Wer also nach dem Ursprung sucht,
findet am "historischen Anfang der Dinge nicht die immer noch bewahrte
Identität (eines) Ursprungs sondern die Unstimmigkeit des Anderen."
(Nietzsche)
Der Andere, das ist der Mythos.
Und der Mythos ist laut Zizek das Reale des Logos: der fremde Eindringling,
den man nicht mehr los wird, der aber auch nicht ganz dazugehört.
HIDDEN CHARMS
Gilles Deleuze sagt: „Ein Körper kann alles mögliche sein –
er kann ein Tier sein, ein Klangkörper, er kann eine Seele oder eine Idee
sein, er kann ein Textcorpus sein, ein sozialer Körper, ein Kollektiv sein.“
Der Körper als Utopie einer Philosophie die „den nicht geformten,
nicht organisierten, nicht geschichteten oder den entschichteten Körper
und alles, was auf einen solchen Körper zirkuliert“ fordert.
Dieser Körper als Maschine produziert biometrische Maschinenmusik mittels
Musikmaschinen. Und wo bleibt dabei der Mensch? Fragen sie den Kabelträger!
Der Mensch als Maschine und der Körper als Maschine wie die Musikmaschine
sind per se dysfunktionale Maschinen. Darin liegen ihre Potentiale.
Läuft eine Maschine wie geschmiert ist sie per definitionem defekt. „Stottert
und stammelt“ sie, ist sie perfekt und entgeht damit auch der biometrischen
Kontrolle. A Human’s Soundtrack ist der Klangkörper eines nicht identifizierbaren
Transformers. Biometrische Fingerabdrücke können nur als Loops kontrolliert
und überwacht werden. Luftmaschen ausgenommen. Ausnahmen bestätigen
nun mal die Regel, besagt eine unbestätigte Regel.
„Der Zufall hat im Rhizom keine andere Bedeutung als die einer Instanz,
welche die Erwartung wohlgeordneten Funktionierens, wie sie einer phantasmatischen,
aus Erinnerungsbildern rekonstruierten Geschichte zugrunde liegt, enttäuscht.“
(Villani)
„Der Maschinist befindet sich selbst innerhalb der Maschine.“
Das ist das Melodram und die Utopie bei Deleuze - dass das Unbewusste als Maschine
nicht vom Unbewussten der Maschine zu trennen ist.
„Deleuze und Guattari vergleichen das Unbewusste mit einer Maschine, aber
sie tun dies nur insoweit, als die Maschine selbst mit dem ihr eigenen Unbewussten
konfrontiert wird. Was dann zum Vorschein kommt, ist weder ein psychischer Automatismus
noch eine robuste Stahlkonstruktion, noch ein bloßer Algorithmus, sondern
eine weiche Organisation von heterogenen, materiellen und körperlichen
Fragmenten, die gemäß einem merkwürdigen Ideal des Kaputten
zusammen funktionieren: Maschinen des Unbewussten, die mit dem Unbewussten der
Maschinen in Verbindung stehen.“
• Retina-Scan - Analyse der Blutgefäße im Augenhintergrund
:
Beim Retina-Scan werden die Aderläufe des Augenhintergrunds optisch erfasst
und analysiert. Dabei gelangen eine Lichtquelle von niedriger Intensität
und ein optischer Koppler zum Einsatz, die die Muster mit einem hohen Genauigkeitsgrad
erfassen können. Allerdings muss die betroffene Person dabei die Brille
abnehmen, mit den Augen nahe an das Gerät herangehen und den Blick auf
einen bestimmten Punkt fokussieren. Ob die Genauigkeit der Methode das Unbehagen
der Öffentlichkeit ausräumen kann, muss sich erst herausstellen.
SPEICHERPLÄTZE
Im Zug gefundene Zeitungen und was darin steht: “MATTERHORN IST AFRIKANISCH!
Bern: Die Spitze des Matterhorns besteht aus afrikanischen Gesteinen und Meeresablagerungen.
Der Grund für diese Tatsache liegt 45 Millionen Jahre zurück. Mit
dem Aufeinanderprallen der afrikanischen und der europäischen Kontinentalplatten
begann die Faltung der Alpen. Aufgetürmt wurden dabei auch Sedimente und
Vulkangesteine der afrikanischen Kontinentalplatte. Dies hat in der Region Zermatt
Spuren hinterlassen.“
Geschichte und Geographie – Wenn schon Berge aus Bastardgesteinen bestehen,
was soll dann eine nationale Einheit? Jeder nationale Schulterschluss ist Politik
als Gefühl. Jegliche Politik der Gefühle ist zweifelhaft. Jeder Storch
im Burgenland kommt aus Afrika und kein Storch im Burgenland ist illegal. Auch
kein Stein in der Schweiz ist illegal. Tierrechte und Naturechte kennen keine
Abschiebepraxen. For Men Only, steht am Eingang zur “Deportations-Klasse”
im Flieger. Es gibt Menschen, die fühlen sich nie de-platziert. Wie Soldaten
in einem fremden Land. Rauchpause.
• Gefäßmuster - Analyse der Venenmuster :
Venenmuster lassen sich am ehesten als ein Bild der Hand- oder Gesichtsvenen
beschreiben. Man nimmt an, dass Dicke und Anordnung dieser Venen einzigartig
genug sind, um damit die Identität einer Person verifizieren zu können.
STUNDE NULL 3
Gegen Ende von “Alice im Wunderland” steht die Frage:
„Ob ich am Ende heute Nacht ausgewechselt worden bin? Also, wie steht
es damit - war ich heute Morgen beim Aufstehen noch dieselbe? Mir ist es doch
fast, als wäre ich mir da ein wenig anders vorgekommen. Aber wenn ich nicht
mehr dieselbe bin, muss ich mich doch fragen: Wer in aller Welt bin ich denn
dann? Das sagt mir erst einmal, und wenn es mir gefällt, wer ich bin, dann
komme ich herauf; aber wenn nicht, bleibe ich hier unten, bis ich jemand anders
bin.“
In “Wahnsinn und Gesellschaft” nennt Foucault “Die Ordnung
der Dinge” eine „Geschichte des Anderen, dessen, was für eine
Zivilisation gleichzeitig innerhalb und außerhalb steht, also auszuschließen
ist (um die innere Gefahr zu bannen), aber indem man es einschließt (um
seine Andersartigkeit zu reduzieren).“
Das Andere ist das Andere des Gleichen, das sich als Gleiches durch den Ausschluss
des Anderen konstituiert.
Die Stunde Null im Wunderland.
• DNA-Analyse - Analyse der genetischen Struktur
FUTURE-MACHINES
Verhaltensbiometrie
Die kleinste reale Einheit ist laut Deleuze die Verkettung.
• Stimm-/Sprach analyse - Analyse des charakteristischen Stimmabdrucks
Das eigentliche Problem lautet nicht: „Wie, wenn überhaupt, könnten
Maschinen den menschlichen Geist nachahmen?“, sondern, wie Slavoj Zizek
betont: „Wie beruht ebenjene Identität des menschlichen Geistes auf
äußerlichen mechanischen Zusätzen?“
• Unterschriftenanalyse - Analyse der Schriftdynamik
„Wie inkorporiert er Maschinen?“
• Anschlagdynamik - Messung der Anschlagdynamik beim Tippen
Ich bin keine Maschine, aber ich mache Maschinen.
Die biometrische Musik rematerialisiert den Körper durch Musikmaschinen.
Deleuze spricht davon, die menschliche Körperorganisation aufzulösen.
Kodwo Eshun assistiert und schreibt: „Anstatt den Körper zu entkörperlichen,
intensiviert ihn der digitale Breakbeat auf einer Ebene, die man leichter spüren
als erklären kann.“
Das neue Fleisch ist eine denkende und tanzende polymorphe Rhythzomaschine.
Ganz Ohr, ganz Hirn, ganz Klang.
Im biometrischen Soundtrack erkennt sich der Körper als akustisch gespiegelt
und nimmt sich als sein eigenes Dilirium wahr.
Frage an Sun Ra: „What is the power of your machine?“
Antwort von Sun Ra: “Music.”
Dem ist Nichts mehr hinzuzufügen.